Ich habe in den letzten Monaten viel mit unterschiedlichen Prompts experimentiert und sie verwendet, um fiktive Coaching-Sitzungen aufzusetzen, Rollen zu verteilen und klassische Coaching-Fälle durchgespielt. Mal aus der Perspektive einer Führungskraft, mal als Mitarbeiterin, immer mit irgendwelchen Herausforderungen des beruflichen Alltags. Immer wieder neue Settings, neue Rollen, neue Fragen und weiter verfeinerte Prompts. Die KI (LLM) hat sich dabei erstaunlich gut geschlagen.
Wenn das Setup passt (man also viel Hirnschmalz ins Prompt-Engineering steckt), bleibt das Modell stabil in der Rolle, wechselt nicht plötzlich in den Ratgeber-Modus und erklärt auch nicht die Quantenphysik, wenn man sie plötzlich danach fragt (denn, wer kann das schon?). Sie hinterfragt dann eher eine solche Abweichung, stellt systemische Fragen, bleibt dran und sorgt für viele Aha-Momente. Hat man das Rollen-Briefing also genügend verfeinert, dann läuft es.
Systemisch. Störungsfrei.
Was mich besonders fasziniert hat: Die KI als Coach fragt anders als viele Menschen. Ohne eigene Agenda. Ohne Projektion. Ohne Übertragung. Sie will nichts durchdrücken, will nicht helfen, nicht retten. Sie fragt einfach. Und dadurch entsteht Raum.
Das wirkt nach deutlich mehr als nur statistischer Textvervollständigung. Das ist gutes Coaching-Handwerk mit einer perfekten Mustererkennung. Und auch wenn keine Emotionen transportiert werden, kein Augenzucken, kein Nicken (obgleich sie das bei einigen Prompts tatsächlich als Meta-Information ausgibt, oder im Computer-Rollenspiel-Jargon “Emoted”) – es entsteht ein Reflexionsraum.
Verfügbarkeit schlägt Beziehung – für viele.
Was eine KI-Coachin unschlagbar macht: Sie ist jederzeit da. Keine Terminkoordination, keine Wochen Wartezeit, kein Urlaub. Keine Unsicherheit, ob man sich mit der Person versteht. Ich tippe einfach los, wenn mich etwas beschäftigt und wenn ich Klarheit will. Wenn ich nachdenken muss, dann nehme ich mir die zeit oder gehe raus. Das Modell merkt sich den Kontext und ich kann beim nächsten Mal nahtlos anknüpfen.
Für viele ist das nicht nur praktisch, sondern ein echter Vorteil. Nicht jeder Mensch braucht oder will die zwischenmenschliche Dynamik eines echten Coachings. Manche reflektieren lieber schriftlich, in ihrem Tempo, ohne Blickkontakt. Und für diese Menschen ist KI ein Segen. Schriftform ist überhaupt das zentrale Thema, denn beim sogenannten Journaling, dem Niederschreiben der eigenen Gedanken, handelt es ich bereits selbst um ein sehr wirksames Tool zur Bewältigung von Herausforderungen.
Der Massenmarkt wankt.
Ich glaube nicht, dass KI menschliche Coaches komplett ersetzen wird. Es wird weiterhin Nachfrage geben, sei es für Präsenzformate, für Shadowing mit langfristiger Begleitung.
Aber der Massenmarkt wird sich verändern. Viele Menschen, die heute Coaching in Anspruch nehmen oder es sich gerade eben nicht leisten können, werden sich in Zukunft für ein KI-Coaching entscheiden, da es sofort verfügbar ist, kontinuierlich Kontext halten kann, und ihnen keine 60 oder 90 Minuten-Reise pro Session abverlangt.
Das wird Coaching nicht abschaffen. Aber es wird die Landschaft verändern.
Und was bleibt vom Coaching-Handwerk?
Sehr viel. Denn Coaching-Skills sind mehr als ein Serviceangebot. Wer einmal erlebt hat, wie stark Menschen in Reflexion kommen, wenn die richtigen Fragen zur richtigen Zeit auftauchen, der will das nicht mehr missen.
Gerade Führungskräfte profitieren enorm von Coaching-Kompetenz: Zuhören, Fragen, Haltung wahren, nicht sofort Lösungen liefern – eine Qualifikation, die in modernen Organisationen Gold wert ist.
Und auch die eigene Coaching-Ausbildung mit der Selbsterfahrung, das Durcharbeiten eigener Muster und blinder Flecken ist und bleibt ein Schatz. Nichts davon wird durch KI überflüssig. Aber die Rolle, in der diese Fähigkeiten eingesetzt werden, wird sich vermutlich verschieben.
Also: Wird KI Einzelcoaching ersetzen?
Ich denke, in Teilen, ja. Vor allem dort, wo es um Skalierbarkeit, Verfügbarkeit und niedrigschwellige Reflexionsangebote geht. Im Massenmarkt, Lifecoaching etc. ist das wahrscheinlich schon jetzt der Fall. Im High-End-Coaching (aka Führungskräfte- und Executive-Coaching oder Team-Entwicklung) dagengen wird vorerst noch der Mensch bleiben.
Und das ist auch gut so. Denn gute Fragen können die zwar LLMs stellen (mit dem passenden Prompt!), genau so, wie sie Stille sehr gut aushalten können. Aber menschliche Coaches haben einen größeren Methoden-Koffer und können bei Bedarf in die Trickkiste greifen, wenn Worte alleine nicht weiterhelfen und der Coachee einen anderen Blickwinkel braucht.
Es bleibt ein blinder Fleck
Eins sollte man nicht außer Acht lassen: Wer mit KI über persönliche Themen spricht, gibt etwas von sich preis. Nicht an eine Einzelperson, sondern in ein System, das irgendwo auf der Welt die Daten verarbeitet*. Was damit passiert, wie sicher die Daten sind, ob sie wirklich nur für das aktuelle Gespräch genutzt werden, kann man nicht endgültig wissen. Und genau da kommt die Vertrauensfrage ins Spiel.
Vertraue ich der Plattform, mit der ich arbeite? Vertraue ich dem Betreiber? Ich habe weiter oben geschrieben, dass die KI keine Agenda verfolgt und jetzt bin ich mir dann doch nicht mehr ganz so sicher, ob das wirklich zutrifft. Man schaue sich nur einige vergangene Kontroversen bezüglich des Trainings der Modelle an!
Will ich dieses persönliche Thema wirklich hier reflektieren – oder vielleicht doch lieber in einem geschützten, menschlichen Raum?
Das muss jede*r für sich selbst entscheiden. Denn Coaching lebt nicht nur von Fragen, sondern auch davon, wo sie gestellt werden. Die Konkrrenz für uns Menschen-Coaches wird jetzt aber deutlich intensiver.
*) Natürlich gibt es mittlerweile auch die Möglichkeit, ein lokales LLM für diese Aufgabe zu verwenden, wenn man bereit ist, hier etwas Zeit zu investieren und einen halbwegs modernen Computer besitzt.
